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Exzellenznetzwerk Aufklärung-Religion-Wissen: Projektbereich 5 - Religiöse und säkulare Diskurse der Begründung von Verhalten in Europa im Zeitalter der Aufklärung
Finanzierung:
Land (Sachsen-Anhalt) ;
Der Verhaltensdiskurs im 18. Jahrhundert steht in einem mehrbezüglichen Spannungsfeld von antiker, christlicher und höfischer Tradition, dem Versuch einer normativen anthropologischen Neubegründung unter Berufung auf die Natur (Rousseau) und einer empiriebasierten Neukonzeption der Natur des Menschen durch die Wissenschaften. In diesem Vorgang tritt nach der Jahrhundertmitte verstärkt auch die Erörterung der Bedingungen der Urteilsbildung und der Legitimierung des Vorurteils in den Vordergrund. Die Erkenntnis des Anderen und die empirische Berücksichtigung von Verhaltensgründen werden Gegenstand sowohl verhaltenstheoretischer und verhaltenspraktischer Schriften wie literarischer Texte. Ebenso gewinnt auf dem Feld der Philosophie/Erkenntnistheorie das Problem der Urteilskraft als Problem der Aufklärung neue Relevanz.

Durch diese Debatte verschiebt sich die Relation von Norm und Verhalten, von Vernunft und tatsächlicher Praxis. Insgesamt wird erkennbar, dass die prärationalen anthropologischen Dispositionen, die kulturellen und historischen Sedimentierungen sowie unhintergehbare Funktionalitäten der Höflichkeit vom theoretischen Diskurs ebenso wie von den Verhaltensschriften in die Debatte einbezogen werden, so dass neue Argumentationstypen entstehen. Zugleich erweist sich bei der Analyse dieses Schriftenkorpus, dass sowohl das Erbe der antiken Philosophie wie der christlichen Ethik in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen präsent bleibt, es jedenfalls keine exklusive Säkularisierungstendenz gibt. Nicht zuletzt ist den Verhaltensdiskursen immer auch eine Spannung zwischen Stand/gesellschaftlicher Nützlichkeit, Bürger und Staatsbürger inhärent. In diesem Sinn erfolgen Neudefinitionen bzw. Kompromissbildungen im Rahmen der bisherigen Gesellschaftstypologie (Gentleman, Honnête Homme, Figur des moralischen Bürgers). In dieser politischen Dimension beginnen auch Erörterungen über den Staatsbürger sowie den Nationalcharakter den Verhaltensdiskurs zu überlagern.

Der Projektbereich "Religiöse und säkulare Diskurse der Begründung von Verhalten in Europa im Zeitalter der Aufklärung" verlängert Impulse aus der DFG-Forschergruppe "Selbstaufklärung der Aufklärung" (1998-2005, Leitung: Prof. Dr. Heinz Thoma) und fokussiert sie auf die Felder Körper-Religion-Nation, ergänzt sie um das Untersuchungsfeld England und zielt durch die Kooperation der Fächer Germanistik/Anglistik/Romanistik auf eine europäisch vergleichende Perspektive.

Schlagworte

Aufklärung, Europa, Verhaltensdiskurs
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