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Wenn das Gehirn im Weltall aus dem Takt gerät
Wenn das Gehirn im Weltall aus dem Takt gerät
von Sandra Michme

Magdeburger Neurowissenschaftlerin Dr. Luisa Fricke erhält Nachwuchsforschungspreis für Forschung zur kognitiven Leistungsfähigkeit unter Schwerelosigkeit

Reaktionen verlangsamen sich, Entscheidungen fallen schwerer, die Motorik verliert an Präzision. Astronautinnen und Astronauten müssen im All Entscheidungen treffen – unter Bedingungen, die nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn aus dem Takt bringen können. Die Forschung von Dr. Luisa Fricke vom Institut für Medizinische Psychologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg setzt genau hier an. Die Neurowissenschaftlerin untersucht, wie sich die geistige Leistungsfähigkeit von Astronautinnen und Astronauten unter Bedingungen der Schwerelosigkeit stabilisieren lässt – und wird dafür jetzt mit dem Nachwuchsforschungspreis der Medizinischen Fakultät Magdeburg in der Kategorie Biomedizinische Grundlagenforschung ausgezeichnet. Der Preis ist mit 7.500 Euro dotiert.
 
„Dr. Luisa Fricke verbindet in ihrer Forschung auf beeindruckende Weise neurowissenschaftliche Grundlagenforschung mit technologisch hochrelevanten und innovativen Fragestellungen. Solche interdisziplinären Ansätze zeigen, wie wichtig die gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist. Wir freuen uns sehr, dass ihre Arbeit mit dem Nachwuchsforschungspreis ausgezeichnet wird“, Prof. Dr. Dr. Anne Albrecht, Prodekanin für Nachwuchsentwicklung und Chancengleichheit der Medizinischen Fakultät Magdeburg.
 
Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die sogenannte transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS). Dabei wird der Vagusnerv über sanfte elektrische Impulse an der Ohrmuschel stimuliert. Das Verfahren gilt als vielversprechender Ansatz, um Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Reaktionsfähigkeit zu unterstützen – Fähigkeiten, die bei Missionen im All beeinträchtigt sein können.
 
„Studien zeigen, dass Schwerelosigkeit unmittelbare Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Entscheidungsfindung und feinmotorische Prozesse haben kann. Gerade bei Langzeitmissionen kann das ein sicherheitsrelevantes Risiko darstellen“, erklärt Dr. Fricke. Gemeinsam mit ihrem Forschungsteam untersucht sie deshalb, ob die Stimulation des Vagusnervs dazu beitragen kann, kognitive Leistungen auch unter Extrembedingungen auf einem stabilen Niveau zu halten.
 
Um das herauszufinden, verlässt Dr. Fricke das klassische Laborumfeld. Ihre Experimente finden während wissenschaftlichen Parabelflügen statt, bei denen wiederholt für jeweils rund 20 Sekunden Schwerelosigkeit erzeugt wird. In diesen Phasen der aufgehobenen Schwerkraft absolvieren Versuchspersonen Reaktions- und Gedächtnistests, während mobile EEG- und EKG-Systeme ihre Hirnaktivität und Herz-Kreislauf-Funktionen aufzeichnen – buchstäblich Forschung unter Extrembedingungen.
 
„Mich begeistert besonders die Verbindung von Neurowissenschaft, Medizin und Raumfahrtforschung“, sagt die Nachwuchswissenschaftlerin. „Dass unsere Forschung mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet wird, ist eine große Anerkennung und gleichzeitig Motivation, diesen Weg weiterzugehen.“
 
Das Projekt wird am Institut für Medizinische Psychologie der Universitätsmedizin Magdeburg unter der Leitung von Prof. Dr. Tino Zähle gemeinsam mit Dr. Christian Wienke umgesetzt. Unterstützt wird die Forschung durch internationale Kooperationen sowie durch die Europäische Weltraumorganisation (ESA) und die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt).
 
Für Dr. Fricke ist dabei vor allem der interdisziplinäre Austausch entscheidend: „Die Universitätsmedizin Magdeburg bietet ein Umfeld, in dem klinische Forschung, Grundlagenwissenschaft und innovative Technologien eng zusammenarbeiten. Dadurch entstehen Räume für neue Ideen – selbst dort, wo die Forschung nicht durch die Erde begrenzt ist.“
 
Luisa Fricke studierte Psychologie im Bachelor und Master an der Medical School Berlin mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie und Neuropsychologie. Anschließend arbeitete sie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, bevor sie an die Universitätsmedizin Magdeburg wechselte. Dort promovierte sie im Bereich Neurowissenschaften und forscht seit 2021 am Institut für Medizinische Psychologie zur Neuromodulation – und hat in dieser Zeit ein Feld für sich entdeckt, das sie nicht mehr loslässt. „Dass ich einmal in diesem Bereich arbeiten würde, hätte ich früher nicht gedacht", sagt sie. „Aber aktuell kann ich mir kaum ein spannenderes Forschungsfeld vorstellen."