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Lutherrezeption im 20. Jh.
Projektbearbeiter:
Silvio Reichelt
Finanzierung:
Fördergeber - Sonstige;
Für die Deutschen ist Martin Luther zu einer der wichtigsten Figuren des nationalen Selbstverständnisses geworden. Im Pantheon der Nationalgeschichte nimmt er deshalb einen vorderen Platz ein. Der Reformator blieb aber keine konstante, unveränderliche Größe, denn jede Generation schafft sich ihr eigenes Geschichts-, und damit auch Lutherbild. Die historische Überlieferung wurde ständig neu akzentuiert; Luthers Bild wurde von Faktoren wie der politischen Situation, dem gesellschaftlichen Klima und der konfessionellen Entwicklung mitgeprägt. Im 20. Jahrhundert war die Halbwertzeit der sich daraus ergebenden Geschichtsbilder allerdings kurz, denn auch politische Situationen änderten sich mit zuvor nicht gekannter Radikalität. Und noch etwas wird im 20. Jahrhundert überdeutlich: Lutherdarstellung und Lutherehrung in Deutschland waren nie reine Feiertagsangelegenheiten. Die staatliche Instrumentalisierung des Lutherbildes für sinnstiftende beziehungsweise politisch-legitimierende Zwecke war immer vordergründig. Geschichtspolitik und das daraus resultierende geschichtspolitische Handeln bilden deshalb gerade bei der Lutherrezeption eine Konstante. Zweck und Funktion, Mechanismen, Formen und Anlässe hingegen unterliegen permanenten Veränderungen, die von der jeweiligen politischen Situation bedingt werden. Die Dissertation untersucht diese Instrumentalisierung zwischen den Lutherjubiläen 1883 und 1983, um die wechselnden Schwerpunkte des politischen Lutherbildes in Deutung, Darstellung und Wahrnehmung herauszukristallisieren. Den Auftakt der Arbeit bildet eine knappe Verortung Luthers in der deutschen Historiographie des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht aber die Vermittlung beziehungsweise öffentlichkeitswirksame Präsentation des jeweils vorherrschenden Lutherbildes, die ja erst die Voraussetzung für die sinnstiftende Instrumentalisierung des Reformators ist. Es geht um die Konstruktion von Erinnerung im öffentlichen Raum. Nicht die akademische Selbstbeschäftigung, sondern die Außen- und Breitenwirkung des Lutherbildes bildet also den Untersuchungsgegenstand der Arbeit. Dies geschieht auf zwei Ebenen: Zum einen werden die Jubiläen, zum andern die kontinuierliche Präsentation des Lutherschen "Erbes" an den Wirkungsstätten der Reformation untersucht. Analysiert werden die Inhalte, Techniken und Mittel der öffentlichkeitswirksamen Inszenierung des Reformators. Von besonderem Interesse sind vier Fragen: Wie sieht das zentrale Lutherbild der jeweiligen Zeit aus? Wer schafft es? Für wen wird es jeweils geschaffen? Wie wird es vermittelt?

Schlagworte

Erinnerungskultur, Luther, Wittenberg
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