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Papst Paul VI. und die Römisch-Katholische Kirche in anglikanischen Augen: Gesellschaftsgeschichte einer Annäherung während Englands "New Reformation"
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Nach mehr als 500 Jahren kam es am 23. März 1966 in der Sixtinischen Kapelle erneut zu einer offiziellen Zusammenkunft zwischen einem römischen Pontifex und einem Primas der Anglikanischen Kirche. Mit dieser symbolträchtigen und massenmedial inszenierten Begegnung initiierten Papst Paul VI. und der Erzbischof von Canterbury Michael Ramsey, der rund fünfzig Millionen Gläubige aus der globalen Anglican Communion repräsentierte, eine noch niemals zuvor dagewesene Ära des offiziellen anglikanisch/römisch-katholischen Dialogs. Mehr noch: "Rom" erkannte de facto die Church of England als britische Staatskirche an.

Vordergründig sind diese Formen einer hochoffiziellen Annäherung mit einer neuen Dialogbereitschaft "Roms" gegenüber "Protestant*innen" und insbesondere Anglikaner*innen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils zu erklären. Überdies handelte es sich bei Paul VI. um einen diplomatisch versierten, wenngleich nicht mit einem persönlichen Charisma im Sinne Max Webers gesegneten Intellektuellen, der im anglikanischen Klerus bereits seit den frühen 1950er-Jahren als "anglophil" galt.

Vor diesem Hintergrund sahen sich britische Anglikaner*innen in England in mehrfacher Hinsicht mit tiefgreifenden Krisen- und Umbruchserscheinungen konfrontiert: Sie reagierten weitaus gespaltener auf das Zweite Vatikanum als die meisten "Protestant*innen" auf dem europäischen Kontinent. Schließlich standen sich in der doktrinal-hybriden Church of England evangelikal-biblizistische/charismatische ("Low Church"; protestantisch/calvinistisches Selbstverständnis), aufgeklärt-liberale ("Broad Church"; protestantisches Selbstverständnis) und anglokatholische ("High Church"; romfrei-katholisches Selbstverständnis) Strömungen in jeweils liberaleren bis konservativeren Ausprägungen sowie in wechselnden Macht- und Spannungsverhältnissen gegenüber. Insbesondere konservative Anglokatholik*innen sahen ihre "katholisch"-religiöse Raison d‘Être innerhalb der reformierten Church of England durch "römische" Reformen (etwa der Liturgie) bedroht. Parallel brachen Evangelikale nachhaltig die anglokatholische Vormachtstellung in den Gemeinden, in der Kirchenleitung und in der Politik. Nicht wenige dieser Evangelikalen setzten sich sehr für die Ökumene mit "Rom" ein.

Neben diesen innerkirchlichen Spannungsverhältnissen und Machtverschiebungen hatten sich britische Anglikaner*innen mit einer nie zuvor dagewesenen Dynamik aus gesellschaftlichen Transformationsprozessen auseinanderzusetzen. Letztere werden häufig unter den geschichtswissenschaftlich bzw. religionssoziologisch teils überaus kontrovers diskutierten Chiffren "Dekolonisation", "Immigration", "Liberalisierung", "Modernisierung", "Säkularisierung" und "Individualisierung" subsumiert. Insbesondere Konservative standen einigen Elementen, die diesen Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen gemeinhin zugeordnet werden, verunsichert gegenüber: Darauf deuten etwa anglokatholisch-evangelikale Allianzen hin, die sich gegen die seit 1963 aus Teilen der Church of England weit in die britische Gesellschaft hineingetragene "Death of God"-Theologie, gegen "Pornographie" à la "Lady Chatterley’s Lover", gegen künstliche Geburtenkontrollen oder Abtreibungen wandten und diesbezüglich in "Rom" eine Art Bündnispartner sahen. Andere Gläubige schrieben ausgerechnet Paul VI. eine überkonfessionelle Vermittlerrolle im eskalierenden ethnisch-religiösen Nordirlandkonflikt zu.

Zeitgleich kam es zu einer beschleunigten Entfremdung vieler anglikanischer Laien von der Amtskirche, die sich in zahlreichen Kirchenaustritten, im Rückgang von Gottesdienstbesuchen und Taufen oder in der rapiden Abnahme der Schülerzahlen in anglikanischen Sonntagsschulen manifestierte. Allerdings bedarf die in diesem Zusammenhang oftmals vorempirisch angenommene "Shift" von einer amtskirchlich-ritualisierten Religiosität hin zu einem privatisiert-individualisierten "believing without belonging" (Grace Davie) noch substantieller Forschungen. Auch besteht nach wie vor Uneinigkeit, inwiefern ein "Death of Christian Britain" (Callum G. Brown) oder dessen "Transformation" (Jane Garnett) diagnostiziert werden kann.

Für letzteres spricht etwa, dass anglikanisch-katholische "Mischehen" bis in die späten 1970er-Jahre hinein stark anstiegen. Überdies kamen ausgerechnet britische Katholik*innen seit etwa 1965 in der Mitte der englischen Gesellschaft an, die sich noch eine Dekade zuvor als eine ethnisch-religiöse Minderheit empfunden hatten: beispielsweise verbreiteten sich katholische Sonntagsschulen und 1979 gingen bereits mehr katholische Gläubige regelmäßig zur Heiligen Messe als Anglikaner*innen und Freikirchler*innen zusammen zum Gottesdienst. Während alle "protestantischen" Kirchen (allen voran die Church of England) massive Mitgliederverluste erlitten, verzeichnete die Catholic Church in England and Wales, deren Hierarchie mehrheitlich traditionalistisch bis ultramontan war, einen stetigen Zuwachs an Gläubigen.

Vor diesem Hintergrund kam es zu einer gesellschaftlichen Hinterfragung des seit Mitte des 16. Jahrhunderts tradierten Selbstverständnisses als "the protestant nation" und der damit verbundenen Selbstverständlichkeit einer genuin anglikanischen "Britishness" bzw. "Englishness". Doch bisher wissen wir wenig über den konkreten Ablauf dieses Prozesses, über die Bedeutungsnuancen des Papstes und der Römisch-Katholischen Kirche für britische Anglikaner*innen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie über die damit verbundenen Aushandlungsprozesse von christlicher Religiosität und nationaler Identität in einer multiethnischen, multireligiösen und permissiven Massengesellschaft.

Um einen Beitrag zur Behebung dieser Desiderate zu leisten, wird nun erstmals systematisch der Frage nachgespürt, weshalb und inwiefern britische Anglikaner*innen (hauptsächlich männlicher Klerus, weniger Laien) in den amtskirchlichen wie soziokulturellen Krisen- und Umbruchsdekaden im England der 1960er- und 1970er-Jahre ausgerechnet eine Annäherung an die Römisch-Katholische Kirche und insbesondere an den italienischen Papst Paul VI. suchten und in welcher Weise die damit verbundenen Prozesse in Wechselwirkung mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen standen. In Bezug auf diese Fragestellung besteht das Ziel dieser sich als eine Gesellschaftsgeschichte der Church of England verstehenden Arbeit darin, aus anglikanischer Perspektive die Inhalte der multiplen Kommunikationen mit bzw. über Paul VI. sowie mit weiteren römisch-katholischen Akteuren des Dialogs offenzulegen und zu hinterfragen:
Was genau erhofften sich welche britischen Anglikaner*innen von einer Annäherung an "Rom" und wie verorteten sie dabei den Papst? Welche Selbst- und Fremdwahrnehmungen, welche Vorstellungen von Religion und Religiosität und welche soziokulturellen wie politischen Dynamiken spiegeln sich in den überlieferten sozialen Interaktionen der anglikanischen Gläubigen mit und über Paul VI., als zentraler Partner des Dialogs, wider? Was bedeuteten die damit verbundenen Projektionen und Zuschreibungen in Bezug auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in England und welche Folgen lassen sich daraus für "das" nationale Selbstverständnis und für die alltagskulturelle Bedeutung von Religion und Religiosität in England ableiten?

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