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‚Klassiker‘ als Konstrukt der Aufklärung
Finanzierung:
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ;
Das 18. Jahrhundert ist das klassizistische Jahrhundert par excellence: In der Architektur, der Literatur und der Kunst erlebte die formale und normative Vorbildlichkeit der Antike gleich mehrere Hochphasen, ebenso prägte sie Diskurse und Ikonographien der Politik und schlug sich in der Revolutionszeit sogar in der Mode nieder. Hinzu kam ein das Jahrhundert durchziehendes Bestreben, selbst klassisch zu werden bzw. Werke, Künstler und Autoren der eigenen Nation, ja eine ganze Epoche der eigenen Geschichte als normgebende Orientierungspunkte zu kanonisieren. In Frankreich feierte man die Epoche Ludwigs XIV. retrospektiv als höchste Blüte der Kulturgeschichte, auf der anderen Seite des Rheins erwartete man ein klassisches Zeitalter der deutschen Literatur für die nahe Zukunft.
Als Phänomen ist die Hochkonjunktur des Klassizismus in der Aufklärung recht gut bekannt, doch wirft sie nach wie vor Deutungsfragen auf, die fundamental sind für unser Verständnis der Epoche: Wie vertrug sich die massive, das Jahrhundert durchaus kennzeichnende Neigung zum Klassischen, sei es das Antike, das Normative oder beides zugleich, mit der Ausrichtung auf eine bessere Zukunft und der Autoritätskritik, die als charakteristisch für die Aufklärung gelten? Bestand hier ein fundamentaler Konflikt, oder ist das Verhältnis von Aufklärung und Klassizismus als komplementäre Ergänzung zu verstehen, die gerade deshalb produktiv wurde, sei es kulturell, sei es politisch, weil sie divergierende Bedürfnisse integrierte? Wie viel normativ befestigte Beheimatung im Klassischen brauchten ein sich als aufgeklärt begreifender, freier Geist und eine in Bewegung kommende Gesellschaft, in der die traditionellen Ordnungen des Wissens, Glaubens und Handeln keine selbstverständliche Geltung mehr besaßen? Oder umgekehrt: wie viel Originelles sollte in die Nachahmung der klassischen Vorbilder eingehen; wie viel (bewusste) Konstruktion steckt in der idealisierenden Kanonisierung von Klassikern?
Dass das Verhältnis der Aufklärung zum Klassizismus kaum ohne Paradoxien auskam, zeigt exemplarisch ein berühmtes Zitat Johann Joachim Winckelmanns: "Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten". Winckelmanns Wunsch, die Modernen möchten unnachahmlich werden, kann man so verstehen, dass er sich die gelungene Orientierung an den antiken Vorbildern zugleich als Emanzipation von ihnen denkt. In der Tat fand seine Bewunderung der Griechen in der Geschichte der Kunst des Altertums (1764) eine Form, die das ästhetische Ideal nicht nachahmt, sondern in eine andere Gattung wechselt. Indem er den idealisierten Gegenstand aus einmaligen historischen Umständen erklärte, rückte er ihn zugleich in eine gewisse reflexive Distanz: Historisierung als eine Möglichkeit, Aufklärung und Klassizismus auszubalancieren. Insbesondere die - von den Zeitgenossen erstmals als solche anerkannten - ‚deutschen Klassiker‘ um 1800 wurden erst, so die These, möglich durch ein historisierendes Selbstverständnis.

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